Interview "PRODUCTION PARTNER"


Interview mit Herrn Pascal Miguet der Firma Sommer cable und der Fachzeitschrift PRODUCTION PARTNER 11/2003 (S. 76ff)


Kabel und Steckverbindungen im Studio

In der ersten Folge unserer Serie über Kabel und Steckverbindungen ging es um Beschallung, mobil und in Festinstallationen. In dieser Ausgabe geht es um Audio im Zusammenhang mit Studios, um Verdrahtungen und Verbindungen sowie um Stellungsnahmen zu HiFi- und Pro-Audio-Kabeln.

Gebraucht werden im Studiobereich vielfach die gleichen Kabel-Typen wie in der Beschallung. Während live aber klarer Pragmatismus und kostenbewusste Kalkulationen üblich sind, ist so manches Studio der Ort für Subtilitäten. Soundfreaks mit "goldenen Ohren" dürfen Dinge hören, die andere nicht hören. "Hearing is beleaving" - diesen Slogan benutzte Tannoy seinerzeit für Studiomonitore, nicht etwa für Beschallungs-Komponenten, und er beschreibt auf elegante Weise die psychologischen Hintergründe des Hörens bei so mancher Studioproduktion. Wir kommen damit in die Nähe des HiFi-Hörens und dort favorisierten Kabel und Stecker. Wer hingegen eine professionelle Attitüde zum Hören pflegt, möchte womöglich gar keine HiFi-Kabel, und auch keine Stecker. Er (oder sie) ist zufrieden mit solider Gebrauchsware und fühlt sich wohl, im Zusammenhang mit der HifiWelt gelegentlich das Wort "esoterisch" zu verwenden.


Standards und Innovationen

Standard waren immer schon Kupferkabel für analoge Audio- und Videosignale. Dazu gekommen sind Kupferleitungen für digitales Audio und Video und so genannte Hybrid- oder Composite-Kabel, die Audio, Video und Daten in einem Kabel transportieren. So ein Kabel besteht dann zum Beispiel aus 8 x Videoleitung 75 Ohm, zwei geschirmten Audioleitungen, einer geschirmten Netzleitung und zwei hochwertigen CAT5e Kabeln. Es kann für die meisten relevanten Verbindungen in einem AV-Studio benutzt werden. Eine zunehmende Rolle spielen Lichtwellenleiter, vor allem bei Übertragungswegen von über 100 Metern.
Die Anforderungen an Kabel sind allgemein gewachsen. Das hat einerseits die Digitaltechnik mit sich gebracht, zum anderen stehen heute in jedem Studio Komponenten, die Einstreuungen verursachen: meist mehrere Computer, diverse Bildschirme und Systeme zur Datenarchivierung. Insgesamt kann man heute leistungsfähigere Kabel bauen als vor 20 Jahren. Engere Fertigungstoleranzen lassen sich einhalten, neue Materialien ermöglichen geringere Abmessungen.
Pascal Miguet von Sommer Cable erläutert: "Den größten Fortschritt haben wir als Hersteller in der Entwicklung von hochwertigen und langlebigen Mantelmaterialien machen können. Um eine höhere Flexibilität und höhere Biegezyklen zu erreichen und um PVC zu sparen, wurden früher Mantelmischungen mit Kreide und Ouarzsand gestreckt. Das hatte zur Folge, dass Leitungen schon nach wenigen Jahren den Weichmacher ausschwitzten und dadurch seifig und porös wurden. Heutzutage arbeiten wir mit nahezu kreidefreien, extrem flexiblen und kerbfesten Spezialmischungen welche bis zu -3o°C kälteresistent sind und deren Mantelfarben mit bleifreien Additiven aufbereitet werden. Früher war es kaum möglich, die Isolation eines Kabels ordentlich aufzuschäumen, um gute elektrische Werte (Kapazität, stabile Wellenwiderstände) zu erhalten. Schäumungen waren sehr fragil und das Kabel verlor schon nach kurzem Gebrauch oder mehrmaligem Wickeln dessen technische Vorzüge. Dem entgegnet man heute mit lackierten Schäumungen oder hochwertigeren Isolationsmaterialen wie Polypropylen oder Hytrel".
An ein professionelles Audio-Kabel werden überschaubare Anforderungen gestellt.

- Eine gute Schirmung besteht zum Beispiel aus doppelten Wendelschirmen oder Kombinationen von CU-Wendel + AL/PT Folie oder alubedampftes Vlies.
- Klangneutralität: Ein Kabel darf eigentlich nicht "klingen", es sollte das Signal vielmehr unverfälscht passieren lassen.
- Geringes Übersprechen.
Ausschlaggebend für diese klangliche Neutralität sind nach Erfahrungen von Miguet nicht die verschiedenen Metallverbindungen, sondern Unterschiede in der Verseiltechnik und die Wahl der Isolationsmaterialien: "Wir legen beispielsweise die Kupferlitzen nicht parallel nebeneinander, sondern arbeiten mit einer konzentrischen Verseiltechnik: Zwei verseilte Litzen im Kern, die anderen werden in einem bestimmten Verseilschlag darüber gelegt. Diese Technik garantiert nicht nur ein besseres Klangverhalten, sondern auch eine größere Anzahl Biegezyklen - was allerdings in der Studiotechnik nur bedingt eine Rolle spielt."


Kabel und Sound

Besserer Sound durch bessere Kabel? Ist das eine Frage für Puristen? Für Konsumenten, und unter ihnen speziell die "High Ender", deren Budget Anschaffungen für Kabel vorsieht, die - egal ob Netz oder Audio - 400 Euro oder mehr pro Meter kosten dürfen? Und fließen dann durch diese Kabel Produktionen, die in irgendeinem Studio dieser Welt womöglich in einer Arbeitsumgebung mit korrodiertem Klingeldraht erstanden sind? Wird der Zyniker sagen: Je mehr die Korrosion am Klingeldraht in einem Studio in der Karibik fortgeschritten war, desto verzückter wird der Hörgenuss bestimmter High Ender ausfallen? Was ist von "Highend-Kabeln" zum Beispiel sauerstofffreien Kabeln - zu halten?
Kabel, die sauerstofffreies Kupfer (OFC) enthalten, sieht Miguet von Sommer Cable pragmatisch: "OFC ist kein Muss, bietet dem Hersteller aber sehr viele Vorteile: Es ist sehr geschmeidig und kann dementsprechend eng verseilt werden. Das erhöht die Oberfläche des Kupfers und garantiert eine verlustfreie Höhenübertragung. Geschmeidiges, hochreines Kupfer ist einfacher zu verarbeiten und bricht nicht so schnell. Man muss in der Fertigung allerdings darauf achten, dass in der Isolation oder im Mantel nicht der falsche Weichmacher eingesetzt wird, ansonsten ist das OFC Kupfer ,für die Katz'. Denn manche Weichmacher greifen das Kupfer an und zerstören dessen Oberfläche."
Dass gut gemachte Kabel einen klanglichen Einfluss haben, steht allerdings zwischenzeitlich außer Frage. "Aber wir als Produzent stehen da vor einem großen Problem" sagt Miguet. "Um die klanglichen Vorzüge eines Kabels ausnutzen zu können, müsste man eigentlich die Peripherie des Anwenders kennen. Und das ist natürlich nur ganz selten der Fall. Jedes Mischpult, jedes Effektgerät, jeder Speaker hat seine eigene Klangcharakteristik, und darauf müsste man reagieren. Es ist nicht sinnvoll, einen Lautsprecher, der die Höhen betont, mit einem versilberten Kabel zu verdrahten, das wie die Erfahrung oft zeigt - wiederum die Höhen anhebt."
Der richtigen Einsatz eines HiFi-Kabels erfordert im Handel eine hohe Beratungsintensität. Der Händler arbeitet sie in den Verkaufspreis ein. Relativ teuer sind Highend-Kabel auch deshalb, weil die produzierte Jahresmenge gering ist. Miguet: "Ein Highend-Kabel verkauft sich meist unter 5.ooo Meter pro Jahr, während ein klassisches Mikrofonkabel in der Größenordnung von über 2.000.000 Meter je Farbe im Jahr produziert wird. Bei dieser Menge gehen die Kosten der Entwicklung nahezu unter, während sie den Preis eines HiFiKabels extrem verteuern."
Auch im Studio-Sektor kann man Trends zu extrem teuren, konfektionierten Netzkabeln oder auch Netzleisten beobachten. "Dieser Trend ist natürlich mit Vorsicht zu genießen", meint Miguet. "Es wäre meines Erachtens ein Fehler zu glauben, dass ein Netzkabel bei dem der laufende Meter zirka 400 Euro kosten soll, den in der Gebäudetechnik üblichen und im Mauerwerk verlegten Klingeldraht qualitativ aufwerten kann. Wie das funktionieren soll, das konnte uns bisher noch kein versierter Techniker beweisen. Aus diesem Grund bieten wir diese Produkte auch nicht an."...