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Multicore-Systeme


In der professionellen Veranstaltungstechnik kommen zwischen der Bühne und den erforderlichen Mischpulten zur Tonverarbeitung Multicoreleitungen zum Einsatz. Diese Leitungen fassen mehrere Tonaderleitungen, paarig verseilt und geschirmt, in einer gemeinsamen Isolationshülle zusammen. Die Beschaffenheit des Kabels ist für den harten Road-Betrieb ausgelegt.

Aufgrund der individuellen Verlegung je nach Veranstaltungsort und Bühnenbau muss es flexibel und torsionsfrei sein. Egal ob beim Sommer Open-Air die Sonne das Kabel auf 50 °C aufheizt oder es im Winter im Truck auf -20 °C abgekühlt wird, diese Eigenschaften sollten erhalten bleiben. Natürlich sollte es auch zug- und trittfest sein.

Das Kabel ist für die Übertragung von Audiosignalen spezifiziert. Hierbei sollen Tonsignale in einem breiten Pegelspektrum störungsfrei übertragen werden. Das Pegelspektrum richtet sich nach der angeschlossenen Tonquelle.


Signalquellen am Multicore:
Dynamische Mikrofone liefern bei einer Quellimpedanz von 200 Ohm einen Pegel von ca. -50 dBu bis ca. -35 dBu, je nach Schalldruck des aufzunehmenden Instruments oder der Vocalstimme.

Kondensatormikrofone haben einen eingebauten Verstärker, insofern liegt der
Übertragungspegel bei ca. -40 dBu bis -30 dBu je nach Schalldruck. Hierbei muss über das Multicore auch die vom Mischpult gelieferte Phatomspeisung, 48 VDC des Verstärkers mit übertragen. Hierfür ist auf eine ordnungsgemäße Masseführung zu achten.

DI-Boxen dienen im Bühnenbetrieb als Schnittstelle zwischen hochpegeligen LINEAusgängen von z.B. Keyboards oder Instrumentalverstärkern. Vorzugsweise sollten hier Systeme mit eingebautem Übertrager verwendet werden, dies verhindert Brummschleifen. Je nach Quelle liefern DI-Boxen einen Pegel von ca. -40 dBu bis zu -20 dBu. Hierbei sollte man immer beachten, dass der Pegel vom Übertrager heruntertransformiert werden sollte, damit die Pegeldifferenzen zwischen den einzelnen Tonaderpaaren nicht zu groß werden. Dies verhindert insbesondere im Multicore­steckverbinder störende Nebensprecheffekte.

LINE- Pegelausgänge liegen im hochpegeligen Bereich, d.h. nominal ist hier immer mit einem Pegel um die +4 dBu und je nach Sorgfalt der Aussteuerung bis
hin zu +12 dBu bei kurzzeitigen Spitzen (Transienten) zu rechnen.

Nebensprechen/Übersprechen
Dieses Phänomen kennt jeder Tontechniker, ich schalte meinen Kopfhörer per PFL
auf einen Mischpultkanal, der eigentlich nur das LINE-Signal des Synthesizers übertragen soll, und höre im Hintergrund noch ganz andere Sachen mit.
Natürlich kann ein akustisches Nebensprechen je nach Menge und Aufstellungsort der Mikrofone auf der Bühne nicht vermieden werden. Als Konsequenz dieses Wissens verwendet man z. T. immer weniger Mikrofone und ersetzt diese durch DI-Boxen.
Es gibt aber neben dem akustischen auch das statische bzw. induktive Nebensprechen, dass erst im Mischpult zum tragen kommt. Ursache hierfür sind verschiedene Faktoren die, sofern sie im Vorfeld bedacht werden, zwar ein Nebensprechen nicht völlig ausschließen aber zumindest auf ein Mindestmaß beschränken helfen.


Zunächst einmal: Innerhalb eines Multicore-Kabels mit der Spezifikation:

- paarig verseilt und geschirmt -

ist ein Nebensprecheffekt zwar nicht 100%ig ausgeschlossen, aber bei konsequenter symmetrischer Beschaltung zwischen Quelle und Mischpult kaum zu erwarten. Mischpulte haben je nach Hersteller und Preisklasse Nebensprechdämpfungen von max. 90 dB zwischen einzelnen Kanälen (bei 1 kHz und nom. Pegel)

Besser muss das Multicoresystem nicht sein, aber man sollte auch darauf achten, dass es nicht schlechter wird.

Das Nadelöhr ist der Steckverbinder am Ende des Multicoresystems:






Bild 01: 72-pol Verbinder; Crimpcontakte


Wie im Bild zu erkennen besteht das Gehäuse der Steckverbinder aus Kunststoffmaterial. Jede Ader der Einzelleitungen im Multicore wird auf einen Buchsenkontakt oder einen Steckkontakt gecrimpt. Diese Kontakte werden dann in die Führungslöcher des Kunststoffgehäuses eingeführt und verriegelt. Durch den achsensymmetrischen Aufbau ergibt sich physikalisch der Sachverhalt, dass die Kontakte zwar durch den Kunststoffkörper voneinander isoliert sind, aber gleichzeitig bildet sich ein mehrfacher Kondensator. Es ist zunächst völlig egal, wie wir
die Einzeladern positionieren, theoretisch geschieht dasselbe, als wenn wir die einzelnen Adern alle mit kleinen Kondensatoren miteinander vermaschen.

Das klingt zunächst dramatisch, ist aber im praktischen Betrieb nur dann ein Problem, wenn wir, wie oben beschrieben, die Pegeldifferenzen der einzelnen Leitungen zu groß werden lassen. Durch den geometrischen Aufbau sind die Kapazitätswerte der einzelnen Kondensatoren annähernd gleich, sie liegen je nach Frequenz nur bei einigen Pikofarad.

Wir haben gelernt, dass ein Kondensator für Gleichspannung undurchlässig ist und sein kapazitiver Blindwiderstand bei steigender Frequenz abnimmt. Allerdings werden innerhalb unserer Steckverbinder bei einer Frequenz von 1 kHz ausreichende Nebensprechdämpfungen erreicht, die wesentlich besser sind als bei den meisten Mischpulten.
Auch die mechanische Konfektionierung des Multicoresteckverbinders kann bei schlechter Ausführung zu erheblichen Nebensprecheffekten führen.


Unsere Belegungspläne finden Sie hier.


Die Leitungsschirme - zentral vermascht oder getrennt ausgeführt?

Allein schon aus Gründen der Optimierung der Nebensprechdämpfung ist einer getrennten Masseführung der Vorzug einzuräumen.
Die Multicoreleitung ist im übertragenen Sinne ein Verlängerungskabel für symmetrische Tonleitungen, das die Tonquellen auf der Bühne mit den Eingängen des Mischpultes im Saal verbinden soll. Jede einzelne Tonleitung im Multicore ist im Aufbau paarig verseilt und geschirmt und verfügt über einen eigenen Isolationsmantel.

Schon deshalb erscheint es logisch und vernünftig diesen Vorteil auf der Verlängerung vom Steckverbinder auf der Bühne über das Multicore bis zum Steckverbinder am Mischpult beizubehalten.

Ein weiteres Argument ergibt sich aus dem Massepotential, das heißt dem Punkt im System an dem der oder die Schirme mit Masse und damit zwangsläufig mit dem PE-Potential des Niederspannungsnetzes der Veranstaltungsstätte verbunden sind. Grundsätzlich sollte das der Eingang des Mischpultes sein. Das ist der zentrale Punkt an dem alle Schirme des Multicore Systems ohnehin zwangsläufig miteinander vermascht sind. Hier liegt zentral jeder Schirmanschluss, zunächst einmal unabhängig ob am XLR oder der Klinke auf dem 0 V = Massepotential der internen Spannungsversorgung und damit auf PE-Potential.

Nur Pulte im Einsatz der Rundfunkanstalten und der höchsten Preisklasse verfügen über die Möglichkeit einer unabhängigen Technischen Erde ( FPE), die allerdings auch über den Potentialerder des Hauses PE-Potential führt.

Bei konsequenter symmetrischer Leitungsführung mit getrennter, d. h. mit der Einzelleitung geführtem Schirm entspricht die XLR-Eingangsbuchse an der Stagebox exakt dem Mischpulteingang mit der sie verbunden ist. Wird hier ein Kondensatormikrofon angeschlossen und die Phantomspeisung für diesen Kanal aktiviert, dann fließt der Betriebsstrom des Mikrofons nur über diesen Kanal.

Noch größere Vorteile hat die getrennte Schirmführung beim Anschluss netzbetriebener Tonquellen. In den meisten Fällen kann man davon ausgehen dass im Saal, dort wo das Mischpult steht, das PE-Potential an der Schukosteckdose nicht exakt dem Potential des PE-Potentials an der Schukosteckdose auf der Bühne entspricht.

Wird jetzt ein netzbetriebenes Gerät mit seinem Ausgang an die Stagebox angeschlossen dann kann es über den Schirm der Audioleitung zu Ausgleichsströmen kommen, wir haben die klassische Brummschleife. Bei getrennt geführtem Schirm betrifft dies aber zumeist nur diesen einen Kanal. Die Fehler­suche gestaltet sich relativ einfach und eine zwischengeschaltete DI-Box mit GND-Lift (Pin1 XLR getrennt) beseitigt das Problem. Sind allerdings an der Stagebox oder im Steckverbinder alle Schirme vernetzt und es werden mehrere netz­betriebene Quellen angeschlossen, dann kann sich das Brummen vielfältig potenzieren. So fließen zuletzt ja nicht nur Potentialausgleichsströme über das Pult ab, sondern sie fließen über den Schirm auch zwischen den angeschlossenen Geräten.

Ein Hilfsmittel hat sich unter "Bühnenpraktikern" herumgesprochen, dass gefährlich ist. Häufig wird an Geräten oder Netzkabeln der Schutzleiter der Stromversorgung abgeklebt oder abgeklemmt. Das mag vielleicht zum Erfolg führen, ist aber gleichwohl LEBENSGEFÄHRLICH.

Auch das Argument, wonach eine Vermaschung der Schirme Kosten spart, weil ja nur die a-Ader und die b-Ader einer Leitung gecrimpt werden müssen und mehr Tonleitungen je Steckverbinder genutzt werden können ist ein vielfach verbreiteter Irrtum. Es ist nicht der Stecker, es ist nicht das Kabel und es sind nicht die Crimpkontakte, die hier Kosten erzeugen, es ist der Faktor Mensch, der ja all die Schirme verdrillen, verlöten und zusammengefasst anschließen muss. Oft legt man dann die Schirme auf den PE-Anschluss des Steckverbinders, wohin auch sonst. Nur, auch hier vergisst man wieder den Sicherheitsaspekt. Der Anschluss am Stecker ist als CHASSIS = PE-Anschluss vom Hersteller gekennzeichnet. Das Steckergehäuse ist leitfähig und muss damit gemäß VDE 0100 auf PE Potential liegen. Alles andere ist leider verboten, und man sollte sich daran halten. Schirme haben an diesem Anschluss zunächst nichts verloren.

Der Aufbau von Stagebox- und Multicore Systemen muss nicht nur unter dem Gesichtspunkt der reinen Signalübertragung gesehen werden. Das gilt gerade für die vielen Amateur- und Freizeitmusiker, die sich die Freude an der öffentlichen Darbietung Ihres Könnens oft durch die - so genannte Scheißtechnik - verderben lassen. Hier geht es um den harten Live-Betrieb der eben nicht erlaubt, stundenlang nach Fehlern zu suchen, die man bei sorgfältiger Planung und dem Aufwand von ein paar EURO mehr, locker vermeiden könnte.